Rezension: Der Islam und der Westen

Tariq Ramadan, Köln 2000, 395 Seiten

Bereit zum Dialog
Kritische Auseinandersetzung mit der Moderne

Es ist wohltuend, dass in der Fülle von Publikationen über den Islam sich mit Ramadan auch eine gewichtige muslimische Stimme selbstbewusst, aber dialogbereit zu Wort meldet. All die, die immer noch dem Zerrbild vom Islam als intoleranter, rückständiger und gewalttätiger Religion anhängen, werden mit Erstaunen feststellen, dass sich der Autor, ein tiefgläubiger und von seiner Herkunft her den Muslimbrüdern verbundener Muslim, aus echter Überzeugung zu den Prinzipien von Gewaltlosigkeit, Pluralismus und Dialog bekennt. Tariq Ramadan ist ein in Genf lebender ägyptischer Muslim, Dozent für Philosophie und Islamologie, ist als prominenter Vertreter des sogenannten Euroislam Mitglied mehrer Kommissionen des Europaparlaments. Er nennt sein Werk «eine islamische Antwort auf die Herausforderung der Moderne». Mit dem Untertitel deutet er an, dass sein Buch nicht zuletzt auch als Antwort auf Huntingtons „clash of civilizations“ gedacht ist. Er setzt sich kritisch mit dem Begriff der Modernität auseinander und ist der Überzeugung, nichts im Islam stehe im Widerspruch zur Modernität. Allerdings sei Modernität nicht einfach mit Verwestlichung gleichzusetzen. Werte wie Freiheit, Autonomie der Vernunft und Primat des Individuums kann der Okzident nicht einfach für sich beanspruchen, der Islam kann sie in anderer Weise interpretieren. Ramadan kritisiert aus islamischer Optik nicht nur Auswüchse des modernen westlichen Lebens, sondern ebenso auch Fehlentwicklungen und Missbräuche in der muslimischen Welt.

Marianne Chenon

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