Rezension: Die europäische Seele

Hermann Denz (Hg.), Wien 2002, 254 Seiten

Europas Integration schreitet voran. Die Europäische Union (EU) ist in diesem Jahr von 15 auf 25 Mitgliedsstaaten angewachsen. Und sie soll sich, zunächst durch die Charta der Grundrechte der EU und dann durch eine Verfassung, auch nach innen enger zusammenfügen. Dabei stellt sich jedoch immer dringlicher die Frage, was genau dieses neue, große Europa verbindet und trägt. Diese Frage muss beantwortet werden: denn eine Gemeinschaft hat auf Dauer nur Bestand und Entwicklungspotentiale, wenn sie auch einen ausreichenden Vorrat an Gemeinsamkeiten hat. Oft wird in diesem Zusammenhang auf Europas Werte hingewiesen; viel zu selten wird jedoch gesagt, was diese konkret sind. Das vorliegende Buch stellt sich dieser Aufgabe.

„Die europäische Seele. Leben und Glauben“ stellt einige Ergebnisse mehrerer, soziologisch angelegter europäischer Wertestudien dar. Das Buch gibt in kleinen Aufsätzen wieder, wie es um Europas Werte (Religion, Familie, Arbeit, Demokratie etc.) steht. Nicht alles ist, da vieles in Zahlen und Daten sich ausdrückt, leicht und gleich verständlich. Doch erschließen sich im Laufe des Lesens durchaus interessante Perspektiven auf Europas Werte – besonders im West-Ost-Vergleich.

So ist es bemerkenswert, dass trotz westlicher Säkularisation und kommunistischer Herrschaft Religion eher wieder im Kommen ist – und dies europaweit auch bei der jüngeren Generation, im Osten stärker als im Westen. Überraschend(oder vielmehr erschreckend) ist, dass Demokratie, ein zentraler Indikator europäischer Integration, durchaus nicht so selbstverständlich ist, wie immer behauptet wird. Nur wenige Länder Europas haben, wie es heißt, eine „traditionale und kritische Demokratie ohne autoritäre Tendenzen“. Interessant ist auch, dass der Wert „Arbeit“ offensichtlich mehr ist als nur Geldverdienst. Er wird von den Soziologen unter die Rubrik „Sehnsucht nach Sinn“ verortet (ein Hinweis auf das abendländische, christlich und religiös geprägte Arbeitsethos?). Und zugleich wird festgestellt, dass der Wert „Arbeit“ im Osten höher ist als im Westen. Ein Ergebnis im Ost-West-Vergleich irritiert jedoch besonders: dass Menschen aus Ostmittel- und Osteuropa sich eher als unglücklich, eher dem Schicksal ausgeliefert erleben als Westeuropäer.

Bei all diesen Beobachtungen ist nur eines leider nicht sichtbar geworden, was der Titel doch verspricht: Die europäische Seele. Aber nationale Seelenverwandtschaften sind schon erkennbar.

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