Rezension: Europa ohne Identität?

Bassam Tibi, München 2000, 393 Seiten

Orientierungslosigkeit
Aufklärerische Identität für Europa

Bassam Tibi legt mit seiner Taschenbuchausgabe des 1998 erschienenen Werkes ein Buch vor, das seither stark von Fachkreisen ignoriert wurde. Sein sehr persönlich verfasstes Plädoyer für die säkulare Wertvorstellung der Moderne hat jedoch auch eine schweigende grosse Anzahl an interessierten Lesern gefunden, wie die Auflagen beweisen. Die Krise, von der Tibi spricht, drückt sich in einer Wertebeliebigkeit und Orientierungslosigkeit der Europäer aus, die auf eine zunehmende Migration von Menschen aus anderen Kontinenten trifft. Desorientierte Europäer sind die Ursache davon, wenn sich Migranten, statt sich zu integrieren, in Ghettos abwandern und sich abschotten. Am Beispiel muslimischer Einwanderer führt dies Tibi ausführlich aus und zeigt, wie unbedacht, ja gefährlich diese Sichtweise ist. Die als Toleranz verkaufte europäische Indifferenz der Fremdenfreunde oder sogenannter Multikultis spielt den Fremdenfeinden in die Hände, die die von radikalen Muslimen oder Fundamentalisten inszenierten Gewaltakte dazu missbrauchen, Islam und Fundamentalismus gleichzusetzen. Am anderen Ende der Reaktion auf diese Krise stehen die Anhänger einer eurozentrischen Sichtweise, die mit ihrer Euro-Arroganz Fremdenfeindlichkeit schüren. Bassam Tibi plädiert stattdessen für eine aufklärerische Identität Europas, die sich im Dialog mit anderen Zivilisationen und Kulturen zu einem gemeinsamen Wertekatalog - Leitkultur - bekennt. Dieser Katalog enthält den Primat der Vernunft vor religiöser Offenbarung, individuelle Menschenrechte, säkulare, auf der Trennung von Religion und Politik basierende Demokratie, allseitig anerkannten Pluralismus sowie auf Gegenseitigkeit beruhende säkulare Toleranz.

Geregelte Zuwanderungspolitik
Tibi hat mit dem Terminus „Leitkultur“ eine unglückliche Diskussion in Deutschland ausgelöst, die nicht in seinem Sinne verlaufen ist. Seine Vorstellung von Leitkultur ist für parteipolitische Zwecke missbraucht worden. Er vergleicht die Lage der Ausländer mit derjenigen der Juden, denen Antisemitismus wie Philosemitismus verleidet ist; die Ausländer bewegen sich demnach zwischen Fremdenfeindlichkeit und verordneter Fremdenliebe. Tibi ist nicht nur selbst Verantwortungsethiker, der die Probleme rational angeht, sondern erwartet von allen Europäern, sich von einer wie auch immer gearteten Gesinnungsethik, die Fremdenliebe verordnet, zu lösen und endlich die hier integrierten Ausländer als Bürger im Sinne des französischen Vorbilds eines Citoyens anzuerkennen. Auf diesem Hintergrund fordert Tibi auch eine geregelte Zuwanderungspolitik, wenn Europa nicht zum Schauplatz interner Kulturkonflikte von Zuwanderern werden will. Darstellung und Entwicklung der Thematik sind vom Autor bewusst anders, eben persönlich, gestaltet worden. Sein an der Frankfurter Schule geschulter Geist argumentiert innerhalb der Gültigkeitskriterien des westlichen Rationalitätsmodells, ist also argumentativer Diskurs. Was ist, wenn diese Rationalität und deren Kriterien selbst in Frage gestellt oder, um mit Wittgenstein zu reden, die Spielregeln dieses Spiels nicht akzeptiert werden? Dann nähme auch dieser Diskurs fundamentalistische Züge an. Um Tibis Spiel zu spielen, müssten die Karten jedoch neu gemischt werden. Ob die daran Beteiligten bereit sind, eine hierfür notwendige Transformation ihrer Weltbilder vorzunehmen, wird sich zeigen. Der Dialog geht derweil weiter.

Farsin Banki
Dr. Farsin Banki ist Islamwissenschaftler

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